Arbeiten Sie mit Partner*innen zusammen?
Ich arbeite weder mit einem Manager / einer Managerin, einer Booking-Agentur noch mit einem Label zusammen: Alles selbst zu organisieren innerhalb der DIY-Szene ist einer der Gründe, warum ein Lebenskostenzuschuss einen so großen Unterschied machen würde. Die Partnerschaften, die ich habe, sind solche, die ich durch meine eigene Arbeit aufgebaut und gepflegt habe. Musikalisch sind mir die Zusammenarbeiten am wichtigsten, bei denen mir sowohl als Streicher mit notiertem Material als auch als Improvisator mit echter Freiheit und Verantwortung im Moment vertraut wird. Am stärksten erlebe ich das mit Max Andrzejewski und mit Megan Jowett in unserem Duo Borage.
Über die Performance hinaus arbeite ich eng mit IG Jazz Berlin, dem Veranstaltungsort Sowieso und dessen e.V. WieMusik sowie der AG Klassismus im Jazz der Deutschen Jazzunion zusammen. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit besteht darin, die Sichtbarkeit von Musiker*innen aus der Arbeiter*innenklasse aktiv zu erhöhen und sie miteinander sowie mit der breiteren Szene zu vernetzen – und so ein Netzwerk aufzubauen, das derzeit kaum institutionelle Unterstützung erhält.
Kurze Beschreibung Ihrer Lebenssituation (einschließlich Partner*in, Kinder und Pflegearbeit) sowie eine Beschreibung Ihres sozialen Hintergrunds.
Ich bin ein freischaffende Musiker und lebe in Berlin-Neukölln mit meiner Partnerin Megan Jowett, die ebenfalls freischaffende Musikerin ist. Wir teilen uns eine gemietete Ein-Zimmer-Wohnung von 40 m² und bestreiten gemeinsam den Haushalt aus zwei freiberuflichen Karrieren. Wir haben keine Kinder. Keiner von uns hat familiäre finanzielle Unterstützung, Vermögen oder Erbschaften irgendeiner Art – unser Einkommen ist das, was wir Monat für Monat verdienen, ohne jedes Sicherheitsnetz.
Mein sozialer Hintergrund ist Arbeiter*innenklasse. Ich bin in Dudley im West Midlands in England aufgewachsen. Meine Mutter verließ die Schule mit vierzehn Jahren und begann sofort mit der Vollzeitarbeit; mein Vater war ab dem Alter von siebzehn Jahren Lehrling in einer Stahlhütte. Ich besuchte eine staatliche Schule (erst in den letzten zwei Jahren der Schule erfuhr ich, dass man Musik an einer Universität studieren kann), und war die erste Person in meiner gesamten Familie, die eine Universität besuchte, wo ich neben dem Studium Teilzeitjobs annahm, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Es gab keine Musiker*innen in meiner Familie, keine kulturellen Verbindungen zu der Welt, in der ich jetzt arbeite, und keinen finanziellen Puffer während meiner Ausbildung oder in den frühen Jahren meiner Karriere. Meine Familie konnte sich eine Musikausbildung nur durch staatliche Förderung leisten (die inzwischen weggefallen ist), wo ich mit 20-minütigen Unterrichtsstunden während der Schulzeit mit E-Bass begann, und erst viel später mit 18 Jahren begann ich, Jazz und improvisierte Musik zu spielen.
Dieser Hintergrund ist für mich nicht nur biografischer Kontext. Er ist zunehmend zentral für meine künstlerische Arbeit und für die Forschungs- und Advocacy-Arbeit, die ich innerhalb der Jazz- und improvisierten Musikszene leiste – insbesondere in Bezug auf die strukturellen Barrieren, die die Herkunft aus der Arbeiter*innenklasse für Musiker*innen schafft, die versuchen, eine nachhaltige Karriere aufzubauen – eine Arbeit, die die Form von Aktivismus innerhalb der Berliner Szene und innerhalb von Institutionen wie der Deutschen Jazzunion angenommen hat, einschließlich der Entwicklung der formalen Definition klassismusbasierter Diskriminierung durch die DJU und der begleitenden Leitlinien, die nun als Richtlinie übernommen wurden. Es ist der Grund, warum ich mich bei Árvore beworben habe, und es ist die Linse, durch die ich den Wert des Living-Cost-Contributions verstehe.
Soziale oder ehrenamtliche Engagements und Initiativen.
AG Klassismus im Jazz, Deutsche Jazzunion: Arbeitsgruppe zur Entwicklung struktureller Definitionen und Leitlinien zu Klassismus im deutschen Jazz; Podiumspräsentationen bei der jazzahead! 2025 und dem FREO Netzwerk Treffen. Laufend seit 2025, ca. 3–4 Stunden/Monat.
Call For Pieces: Beauftragung und Produktion neuer Solowerke für Kontrabass von Komponist*innen aus unterrepräsentierten Gruppen, mit kostenlosen Online-Workshops. Laufend seit 2021, variabel (ca. 4–6 Stunden/Monat in aktiven Phasen).
B:jazz Podcast, IG Jazz Berlin: Produktion und Moderation, Erkundung soziopolitischer Themen in der Berliner Jazz- und improvisierten Musikszene. 2023 bis heute, ca. 6 Stunden/Monat.
Sowieso, Berlin: Konzertmanager und Barkeeper, Unterstützung der DIY-Infrastruktur für improvisierte Musik in einem der bekanntesten Clubs Berlins für improvisierte Musik. Laufend seit 2019, vierzehntäglich (ca. 12 Stunden/Monat).
Erzählen Sie uns etwas über Ihre aktuelle künstlerische Arbeit. Woran arbeiten Sie gerade?
Meine aktuelle Performance- und Kompositionsarbeit erstreckt sich über zwei überschneidende Bereiche. Der erste ist Musik als Protest und als direkter Ausdruck meiner eigenen gelebten Erfahrung. Das Aufwachsen mit Rock hat meine Vorstellung von Explizitheit in der Musik geprägt – Dinge direkt zu benennen – und dieser Einfluss sitzt tief in meiner Jazz- und improvisierten Musikpraxis. Dieser Bereich hat seine Wurzeln in class-work (2022, Auftragswerk der Leipziger Jazztage), wurde im finalen USINE-Album ‘how it will be after’ (2022) präsentiert, und setzt sich fort in meiner soziologischen Forschung zu Klassismus und Zugang in der deutschen Jazzszene (durch die DJU AG und unabhängig davon), sowie in Projekten, in denen Raum für direkten Ausdruck durch Text und Stimme besteht. Der zweite Bereich ist explorativer: die Entwicklung meiner improvisatorischen Stimme in solistischen und kollaborativen Kontexten, bei denen der Schwerpunkt auf individuellem Ausdruck innerhalb größerer Kontexte liegt, auch in Kontexten, in denen ich nicht die Bandleitung innehabe.
Konkret: Ich beende gerade die Nachproduktion von Material für zwei kleine Ensembleprojekte. TARTARUGA (mit Megan Jowett, Dae Bryant und Sofía Salvo) hat eine Aufnahme-Residenz im Forsthaus Grünow bei Berlin absolviert und hat eine bevorstehende Veröffentlichung. Borage (Streicher-Duo mit Megan Jowett) hat ebenfalls eine Veröffentlichung aus derselben Residenz in Vorbereitung. Als Sideperson entwickle ich meine Präsenz in zeitgenössischer Musik und Theater – mit den Orchestral Sessions im Berghain und Produktionen an der Deutschen Oper, darunter SATISFACTIONACTION (Max Andrzejewski, 2026) und Sunville (Sofia Jernberg, 2026/2027). Daneben führe ich mein privates Unterrichtsstudio und arbeite in einer Musikschule.
Ich erweitere mich außerdem in den Bereich Kurzfilm – Komposition und Sounddesign für unabhängige Produktionen, wobei ich improvisierte Ansätze in einen Fixed-Media-Kontext bringe. Ich baue mein Portfolio in diesem Bereich gezielt auf, als eine Möglichkeit, die Nachproduktions- und Rekompositionsprozesse, die bereits Teil meines Prozesses sind, in einen neuen Kontext zu übertragen.
Curriculum vitae
2025/2026 — Arbeit mit der DJU AG Klassismus im Jazz, die zu einer szenespezifischen Definition klassismusbasierter Diskriminierung in der deutschen Jazzszene führte; Erhöhung der Sichtbarkeit und Sensibilisierung, Bereitstellung von Ressourcen für Musiker*innen/Veranstaltungsorte; Präsentation dieser Arbeit und Forschung beim FREO Netzwerk Treffen + jazzahead! als Vortrag.
2023–2026 — Produzent/Moderator des B:Jazz Podcasts (englische Ausgabe), IG Jazz Berlin – Diskussion wichtiger künstlerischer und soziopolitischer Themen rund um Musik mit in Berlin/international ansässigen Künstler*innen.
2025–2026 — Orchestral Sessions im Berghain – bislang 5 Aufführungen; verantwortlich für die Entwicklung der Orchestermitgliedschaft und Diversität.
2024 — MaerzMusik – Aufführung von Miya Masaokas Cubistics, Teil ihrer Ausstellung REFUGE IN THE VEGETAL WORLD.
2022 — Komposition ‘anti-dirge’ für das London Chamber Orchestra.
2022 — Auftragswerk ‘class-work’ der Leipziger Jazztage, mit Interview-Feature auf MDR II.
2022–2024 — Songs of Wounding (Max Andrzejewski/Outernational) und weitere kollaborative Projekte mit der ukrainischen Sängerin, Komponistin und Aktivistin Mariana Sadovska – Konzerte auf Festivals in ganz Deutschland zur Unterstützung der Ukraine.
2018–2023 — Senior Lecturer/Modulkoordinator für zeitgenössische Improvisation, Bass, Schauspielmusiker*innen, Ensembles und kollaborative Komposition am Leeds Conservatoire – verantwortlich für die Curriculumentwicklung und die Erweiterung der Relevanz und des Umfangs experimenteller improvisierter Musik im Jazzprogramm.
2017–2023 — Entwicklung des Projekts ‘James Banner: USINE’ (mit Cansu Tanrıkulu, Declan Forde, Max Andrzejewski) – zwei Alben, mehrere Tourneen, gefördert von Musikfonds, Initiative Musik + Berliner Senat.
2022 — Stipendium der GVL zur Beauftragung, Präsentation und Aufnahme von 3 neuen Solowerken für Kontrabass von Jamie Elless, Yaz Lancaster und Nick Dunston.
2023–2024 — Mehrtägige Workshops ‘Komponieren für Bass- und improvisierende Musiker*innen’ am Leeds Conservatoire + der Universität Sheffield – Präsentation von Studierendenarbeiten sowie Vermittlung von Konzepten zur Soloimprovisation im universitären Kontext.
2019–2020 — Teilnahme an ‘Adopt a Composer’, mit Komposition für Laien-Konzertband; Uraufführung mit Sendung und Interview auf BBC Radio.
2016–2022 — Komponist und Workshop-Leiter für das interdisziplinäre Musikvermittlungsprojekt Make The Paint Dance, mit Presseberichten auf der BBC und Förderung durch Arts Council England.
2016 — Master of Music (Komposition/Kontrabass, 1,0) – Jazz Institut Berlin.
2014 — Bachelor of Music (Jazz) – Birmingham Conservatoire.